In den 1960er und 1970er Jahre hatte ein neuer Geist die deutsche Architekturszene erfasst. Angetrieben vom Wirtschaftswachstum, dem technischen Fortschritt und der Euphorie der ersten Mondlandung, wurden innerhalb weniger Jahre zahlreiche architektonische und stadtplanerische Imperative proklamiert. Die Stadt in der Stadt, eine architektonische Megastruktur, in der sich nahezu das komplette Leben der Menschen abspielen sollte, wohnen, arbeiten und konsumieren,
galt dabei als vielversprechendes Konzept gegen die Zersiedelung und verwies gleichzeitig auf zukünftig geplante Weltraum- und Wasserstädte.

Das Ihme-Zentrum in Hannover ist eines der eindrucksvollsten und größten Relikte dieser Epoche und die radikalste Umsetzung des Konzeptes in Deutschland. Erbaut zwischen 1971 und 1975 fiel das Zentrum bei seiner Fertigstellung acht Mal größer aus
als geplant. Doch schon kurze Zeit später galt das Projekt als gescheitert. Hohe Kriminalitätsraten, die begrenzte Akzeptanz durch die Bevölkerung und die Immobilienspekulationen der vergangenen zwei Jahrzehnte führten letztendlich dazu, dass sich nach und nach alle Gewerbetreibenden aus dem Einkaufszentrum zurückzogen. Nach mehreren gescheiterten Umbauversuchen und wechselnden Eigentümern liegt der gewerbliche Teil seit vielen Jahren brach.

Heute, fast 50 Jahre später, sind die Erinnerungen und Lehren aus dieser Zeit verblasst. Das Ihme-Zentrum, damals Symbol für eine fortschrittliche, effektive und von Wohlstand geprägte Welt und Ausdruck eines ungebrochenen Fortschrittsglaubens, der die einzige Grenze in der technischen Umsetzbarkeit sah, ist mittlerweile eine moderne Ruine. Die Arbeit „Klotz“ tastet sich mit teils archäologischem Blick an das Bauwerk heran und versucht über den Zustand des Raums und gefundene Spuren ein Bild der Kultur zu zeichnen, für die der Komplex steht.

In Zusammenarbeit mit Volker Crone

Jahr: 2014 – 2018

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